Musik für eine bessere Welt

Updated: Jul 10, 2018

Zum Tode von José Antonio Abreu, des Gründers der venezonalinischen Jugendorchesterbewegung

Marcela Vélez-Plickert für Die Tagespost


Musik als Weg der Rettung und Erlösung für arme Kinder und die Jugend eines lateinamerikanischen Landes, Musik zur Formung besserer Bürger und einer besseren Gesellschaft. Das war der Traum, den José Antonio Abreu hatte. Im Jahr 1975 gründete der Jurist und Ökonom, zugleich ein talentierter klassischer Musiker für Cembalo, Piano und Orgel sowie Dirigent, sein erstes Jugendorchester. Es fing an in einer Garage von Caracas, elf Kinder und Jugendliche spielten mit. Damit war „El Sistema“ geboren. Heute gibt es mehrere Hundert El-Sistema-Jugendorchester in Venezuela, mehr als drei Millionen Menschen haben angeblich schon teilgenommen, und in 35 Ländern der Welt wurde das System kopiert.

Abreu, der Ende März im Alter von 79 Jahren starb, war ein Held in seinem Heimatland. Der kleine, zierlich wirkende Mann wurde sogar weltweit bewundert für das, was er mit großer Beharrlichkeit geschaffen hatte. Über seine Motivation, sein Konzept sagte er vor Jahren in einem Interview: „Nur Kunst und Religion können die angemessenen Antworten der Menschheit geben, für die tiefsten Hoffnungen der Menschheit und für die historischen Anforderungen unserer Zeit. Bildung – die Synthese von Weisheit und Wissen – ist das Mittel, um eine bessere, bewusstere, edlere und gerechtere Gesellschaft anzustreben.“ Mit Bildung meinte er aber eben nicht nur Wissen, sondern musische Bildung, die Herz und Hirn umfasst.

Das Programm von El Sistema bietet kostenlosen Musik-Unterricht für Kinder an, die sonst wegen der Armut ihrer Eltern keine Chance dazu hätten. In den Armenvierteln Venezuelas rutschen viele Kinder in Drogenkonsum und Kriminalität ab. Abreu wollte sie davor bewahre. Die Kinder werden von Lehrern unterrichtet, ältere Jugendliche zeigen den Jüngeren, was sie können.

Über die Jahre ist die Gruppe aus Caracas riesig gewachsen. Heute gibt es laut Angaben der Stiftung rund 1600 Jugendorchester und Jugendchöre über das ganze Land verteilt. Es soll mehr als 10.000 Musiklehrer geben. Das ganze wird von der Fundación Simón Bolívar de Orchestas Juveniles geleitet. Diesen Namen hat der frühere, seit 1999 amtierende sozialistische Präsident Hugo Chávez gewählt, der El Sistema zu einem Teil seiner Sozialprogramme machte. Er erkor El Sistema zu einem Symbol für die von ihm ausgerufene „bolivarische Revolution“. Das musikalische Jugendprojekt sollte zum neuen Venezuela beitragen, von dem er träumte. Also pumpte er Millionen in die Jugendorchester. Die enge Verbindung Abreus mit der chavistischen Regierung und auch mit dem heutigen Präsidenten Nicolás Maduro, der für die humanitäre Krise verantwortlich gemacht wird, haben Kritiker moniert.

Gustavo Dudamel, der herausragender Schüler Abreus, betonte hingegen dessen Qualitäten als Musik-Lehrer. „Er lehrte uns, dass die Inspiration und Schönheit unweigerlich die Seele eines Kindes verwandeln, es zu einem größeren, gesunderen, glücklicheren menschlichen Wesen machen und zu einem besseren Bürger“, sagte er in seiner Homage auf Abreu. Dumanel, der das El Sistema-Jugendorchester beispielsweise 2013 bei den Salzburger Festspielen bei einer großen Gustav-Mahler-Aufführung leitete, wurde schon mit 18 Jahren Leiter des nationalen Jugendorchesters von Venezuela und ist seit neun Jahren Chefdirigent und Musikalischer Direktor des Philharmonischen Orchesters von Los Angeles.

Lange Zeit hatte er zur Entwicklung Venezuelas unter Chavez und Maduro geschwiegen, doch im vergangenen Jahr äußerte er scharfe Kritik, nachdem ein junger Musiker, Armando Canizales, im April 2017 bei einer Demonstration mutmaßlich von der Polizei getötet worden war. Im Juli 2017 warnte er vor der „verfassungswidrigen Entmachtung staatlicher Institutionen“, womit er die Einrichtung einer „Verfassungsversammlung“ voller Sozialisten meinte, die das gewählte Parlament quasi ersetzt hat. Seitdem regiert Maduro wie ein Diktator. Kurz nach Dudamels kritischen Worten wurden zwei internationale Tourneen des berühmten Jugendorchesters von der Regierung untersagt.

Die wirtschaftliche und politische Krise hat auch das El-Sistema-Programm in Gefahr gebracht. Mehr als achtzig Musiker sind bei Auftritten in anderen Ländern in den vergangenen zwei Jahren vom Orchester „desertiert“. Als Nachfolger Abreus in der Stiftung wurde nun Dercy Rodríguez, die stramm sozialistische Präsidentin der international viel kritisierten „Verfassungsversammlung“ installiert, kündigte Maduro an.

Als Abreu seit Mitte der siebziger Jahre das Jugendorchester aufbaute, hatte er nicht die Politik im Sinn, sondern wollte eine Antwort auf die Armut geben. Das Ölland Venezuela hat seitdem erst einen Aufstieg und zuletzt einen fürchterlichen wirtschaftlichen Absturz erlebt. Heut leben 75 Prozent der Kinder, welche an den Musikklassen und in den Chören mitmachen, unterhalb der Armutsgrenze, heißt es auf der Webseite der Stiftung.

Abreu sagte über die Armut, mit Worten der heiligen Mutter Teresa von Calcutta: „Das Schlimmste an der Armut ist nicht das Fehlen von Brot oder einem Dach, sondern das Gefühl, ein Niemand zu sein … der Mangel an Identifikation und öffentlicher Achtung.“ In Interviews erklärte Abreu immer wieder, dass der soziale Musikunterricht den Kindern Disziplin und Selbstwertgefühl gebe, dass das das Singen im Chor oder das Spielen in einem Orchester ihr Verantwortungsgefühl, ihre Beharrlichkeit und ihren Teamgeist stärke.

Allerdings hat es niemals eine wissenschaftliche Untersuchung gegeben, wie stark die Effekte von El Sistema wirklich sind. Der Musikprofessor Geoffrey Baker von der amerikanischen Holloway Universität kritisierte das in einem polemischen Papier 2014, das die Oxford University Press veröffentlichte. Er kritisierte intransparente wirtschaftliche Strukturen, sprach von einem autoritären Klima und einem „Kult um Abreu“ in dem Orchestern.

Staatspräsident Maduro hat nach dem Tod Abreus eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. „Der Maestro ist von uns gegangen“, twitterte Maduro. Er versteht es, den Tod des landesweit gefeierten Musik-Lehrers für seine Zwecke zu instrumentalisieren.


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